Inspiration Salon: Sustainable Innovation

Sustainable Innovation – Concepts and Ideas for a Desirable Future

Speaker: Joana Breidenbach, Social Entrepreneur & Gründerin, betterplace.org, betterplace lab & Das Dach

Dr. Joana Breidenbach

Ein Essay von Leonardo van Straaten

Am 11 Mai bot der Arts and Nature Social Club (ANSC) in einem seiner Inspiration Salons einen näheren Einblick in das spannende und wichtige Thema „Nachhaltige Innovation“. Referentin war die Anthropologin und Sozialunternehmerin Dr. Joana Breidenbach. 

Joana Breidenbach (https://www.joanabreidenbach.de/about) ist u.a. Gründerin von betterplace.org, Deutschlands größter Crowdfunding-Plattform für soziale Projekte, betterplace lab, einem Do-and-Think-Tank, der sich mit digital-sozialer Innovation beschäftigt, bUm, einem Haus für bürgerschaftliches Engagement und Das Dach, das sich der ganzheitlichen Förderung von Startups verschrieben hat.

In ihrer auf Englisch gehaltenen Keynote ging Joana von ihrer Biografie aus, die Aufschluss über ihre persönlichen Auslöser, Gedanken und ihre Theorie der Veränderung in Bezug auf Innovationen gibt. Von dort aus leitete sie über zu einer Metaebene, in der sie ihre Sicht auf die Welt in ihrem aktuellen Zustand beschrieb und welche Art von Innovationen wir ihrer Meinung nach für diese Welt benötigen. 

Unsere Betrachtung von Innovationen ist stark auf die westliche Welt, insbesondere die USA oder Großbritannien fokussiert. Beispielsweise kann eine schicke neue Zahnbürste für viele Menschen eine erstaunliche Innovation sein. Dies macht deutlich, dass unsere Gesellschaft die meisten der heute entwickelten und vermarkteten Innovationen nicht wirklich braucht.

Joanas Hauptinspirationen stammen aus der Zeit, als sie mit betterplace.lab Feldforschung in 26 verschiedenen Ländern betrieb. Sie untersuchte damals eine neue Szene von Sozialunternehmern, die digitale Technologien für das Gemeinwohl nutzten. Ihr wurde klar, dass sinnvolle, nachhaltige Innovationen oft Graswurzel-Initiativen sind, die von lokalen Problemen ausgehen. Der Grund dafür ist, dass es ihnen nicht in erster Linie darum geht, viel Geld zu verdienen, sondern darum, echte Probleme auf sinnvolle Weise zu lösen. 

Aus dieser dezentralen Position heraus ist in den letzten Jahren eine Reihe von digitalen Dynamiken entstanden, die jetzt unsere Welt verändern und die als Basis für eine neue Innovationskultur gesehen werden können: Dezentralisierung, Zusammenarbeit, fließende Prozesse und künstliche Intelligenz. Für Joana ist es wichtig, diese Innovationen nicht nur aus einem rein technologischen Blickwinkel zu betrachten, sondern den zugrunde liegenden, manchmal subtilen Dynamiken auf den Grund zu gehen. Ein Beispiel dafür ist, wie die Digitalisierung unsere Welt verändert. Von solchen Überlegungen fragt sie sich, welche Art von Innovation unserem globalen digitalen Zeitalter angemessen sind. 

Zur ersten Dynamik, der Dezentralisierung: Die zunehmende Komplexität unserer Welt ist eine große Herausforderung für Innovationen, die Komplexität oft reduzieren. Joana Breidenbach fordert, dass wir uns der Komplexität öffnen müssen, um sinnvolle Projekte und sinnvolle Unternehmen zu schaffen. Weil so viele Menschen und Objekte miteinander kommunizieren, brauchen wir zunehmend ein systemisches Bewusstsein, um unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen zu können. Bisher sind Innovationen oft auf eine eng begrenzte Zielgruppe fokussiert. Das schließt viele Menschen aus und fördert die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft. Sinnvolle Innovationen sind dadurch charakterisiert, dass sie das nicht tun.

Die zweite Dynamik, das Teilen und die Zusammenarbeit, ergibt sich aus heute verfügbaren Technologien, die uns in die Position versetzen, co-kreativ und kollaborativ arbeiten zu können. Es gibt neue Arten von Organisationen. Zum Beispiel war Hilton einmal das größte Hotelunternehmen der Welt, jetzt ist es airbnb mit einem völlig anderen Geschäftsmodell.

Die dritte Dynamik interpretiert Joana Breidenbach als „fließend“. Wir leben in einer Welt, die sehr viel dynamischer geworden ist. Ehemals statische und starre Strukturen werden aufgelöst. Die Welt wird „flüssiger“, sie verändert sich viel schneller als früher, sodass wir als Menschen neue Anpassungs- und Veränderungsfähigkeiten entwickeln müssen. Mit einer so fluiden Außenwelt konfrontiert zu sein, gleichzeitig aber ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und festen Strukturen zu haben, ist eine große Herausforderung für uns.

Die vierte Dynamik, die künstliche Intelligenz, verändert die Art und Weise, wie wir Innovationen betrachten und die Art der Fragen, die wir uns stellen müssen, wenn wir Innovation betreiben, beispielsweise ethische Fragestellungen. Von einem industriellen, von Nationen dominierten Paradigma kommend, bewegen wir uns in ein aufstrebendes digitales globales Paradigma. Dennoch sind wir in vielerlei Hinsicht noch an das alte Paradigma gebunden, was eine Vielzahl an Spannungen erzeugt. Typische Bilder für das alte Paradigma sind die Skyline von Manhattan, Wall-Street-Banker und Autos wie der Ford Mustang. Hingegen lässt sich das neue Paradigma mit Begriffen wie „Nachhaltig“, „Resilient“, „Selbstorganisiert“, „Reparierbar“ oder „Open Source“ verbinden. Die Art von Innovationen, die das neue Paradigma benötigt, kann mit Begriffen wie „sozial inklusiv“, „Machtübertragung“, „neue Formen der Zugehörigkeit“, „mehr Autonomie“ und „spirituelle Sensibilität“ assoziiert werden. Der letzte Begriff hängt mit der Frage zusammen, ob die Innovationen, die wir schaffen, uns nur als Konsumenten ansprechen oder als fühlende und sensible Menschen, die tief in Fragen wie Sinn und Zweck verstrickt sind.

Eine zweite bedeutende Inspirationsquelle war für Joana Breidenbach die bedeutsame Transformation, die bei Betterplace.lab ab 2014 stattfand. Damals begann die Organisation, sich von einem hierarchischen Modell zu einem vollständigen Selbstmanagement zu entwickeln. Die Erkenntnisse aus diesem Transformationsprozess hatten einen großen Einfluss darauf, wie Joana Innovationen heute betrachtet. Sie hat gelernt, dass wir Strukturen und Prozesse nicht verändern können, wenn wir nicht auch das Paradigma verändern, wie wir führen und zusammenarbeiten: Um eine dem fluiden und kollaborativen digitalen Zeitalter angemessene Arbeitsweise zu entwickeln, müssen wir nicht nur die Art und Weise ändern, wie wir unsere Unternehmen strukturell aufbauen oder wie wir neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wir müssen auch einen viel genaueren Blick auf menschliche Faktoren werfen. Bisher konzentrieren wir uns auf der kollektiven Ebene auf „externe Faktoren“ wie Strukturen und Prozesse und auf der individuellen Ebene auf Verhaltensweisen und Kompetenzen. In Zukunft müssen wir unsere Bedürfnisse und Werte als Menschen stärker berücksichtigen: Kultur und Kommunikation auf der kollektiven Ebene sowie Einstellungen und Psyche auf der individuellen Ebene. Außerdem müssen wir uns fragen, auf welche Weise innere und externe Faktoren zusammenhängen. 

Joana Breidenbach erläuterte, dass der Transformationsprozess bei betterplace gelehrt habe, dass die Schaffung einer neuen Organisationsstruktur die Notwendigkeit beinhaltet, uns selbst zu erneuern. Zu oft erhalten wir nicht nachhaltige Innovationen, die in vielen Fällen scheitern, weil sie etwas für die Außenwelt schaffen, ohne interne Faktoren zu berücksichtigen. Gleiches gilt für neue Organisationsmodelle wie „agil“ oder „selbstorganisiert“. Deren Einführung ist oft zum Scheitern verurteilt, weil vernachlässigt wird, dass wir uns als Menschen auch selbst transformieren müssen, um mit mehr Unsicherheit und Verantwortung umzugehen zu können. Deshalb wird bei betterplace an individuellen Kompetenzen und an Beziehungsfähigkeiten gearbeitet. Lernziel ist, das größere Bild zu sehen und zu verstehen, was es bedeutet, sich in Komplexität und Unsicherheit zu bewegen. Vor allem Intuition ist diejenige Kompetenz, die hilft, in nicht-linearen komplexen Systemen zu navigieren.

Um sich nicht zu stark in der Meta-Ebene zu verlieren, brach Joana Breidenbach an diesem Punkt ihrer Keynote ihre Gedanken auf konkrete Projekte herunter, an denen sie aktuell beteiligt ist.

Das erste dieser Projekte ist „Das Dach“. Es handelt sich um eine Co-Working-Firma, die mit solchen Start-ups arbeitet, die an einem ganzheitlichen Innovationsansatz interessiert sind, anstatt nur der Logik der VC-Finanzierung zu folgen, durch die Schaffung einer Multi-Milliarden-Dollar-Firma möglichst viel Geld zu verdienen. Start-ups, die sich fragen, wie sozial inklusive und technologisch fortschrittliche Innovationen geschaffen werden können (wobei viele „externe Effekte“ zu berücksichtigen sind, die in dem ausschließlich gewinnorientierten VC-Modell normalerweise vernachlässigt werden). 

Bei „Das Dach“ wurde damit begonnen, mit einer kleinen Gruppe von Unternehmen zu arbeiten, um zu untersuchen, was diese brauchten, um ganzheitlichere Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sie arbeiteten mit Teams und machten Feldarbeit mit ihnen. Bevor jemand mit „der einen Idee“ kommt, müssen zunächst viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen stattfinden, um die Art von Multiperspektivität zu erhalten, die notwendig ist, um ein bestimmtes Problem lösen zu können. Sie ließen die Teams in sehr unterschiedliche soziale Szenen eintauchen, um zu versuchen, nicht nur kognitiv, sondern auch gefühlsmäßig zu verstehen, welches die wirklichen Probleme der Menschen sind. Nicht nur in einem oberflächlichen Design-Thinking Workshop, sondern durch Zuhören vor Ort. 

Am Ende waren mehrere sehr interessante Piloten entstanden, die aber alle daran scheiterten, dass sie nicht finanziert werden konnten, denn die Art der Finanzierung, die für diese Arbeit benötigt wurde, stimmte nicht mit den seinerzeit Möglichkeiten überein. Also gründeten sie eine Art Denkfabrik rund um das Thema sinnvolle Innovation und veröffentlichten unter Keks Ackerman mehrere Publikationen, die intellektuell und kognitiv in das eintauchen, was zur Schaffung sinnvoller Innovation notwendig ist. 

Das zweite konkrete Projekt, das Joana Breidenbach vorstellte, ist die Art der Arbeit im bUm (betterplace Umspannwerk) in Berlin Kreuzberg, einer ziemlich großen Location von rund 4000 m². Dort gibt es Co-Working, ein großes Auditorium und viele zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich dort treffen und die befähigt werden sollen, bessere Innovatoren zu sein. Zu den vielen Angeboten von bUm gehören Räume für Reflexion und Meditation, für neue Meeting-Formate, in denen es nicht nur darum geht, was jemand intellektuell zu sagen hat, sondern auch darum, was emotional erlebt wird. Es geht um die Erkundung ko-kreativer und kollaborativer Meetings, um die Reflexion über Macht-Ungleichgewichte, die normalerweise in Teams auftreten, um die Schaffung einer anderen Kultur der Zusammenarbeit (die manchmal auch disruptiv sein kann). 

Zu den Angeboten gehört auch eine Reihe von Workshops, in denen gemeinsam mit den Teilnehmern gelernt wird, wie man Innovationen voranbringen kann. Eines der Hauptthemen ist Zusammenarbeit. Joana Breidenbach ist überzeugt, dass die meisten sinnvollen Innovationen nicht von Leuten entwickelt werden, die aus einer Nische kommen, sondern von interdisziplinären Teams. Zu diesem Zweck wurde ein umfangreiches Programm entwickelt, ein „Doing and Learning Space“. Es geht darum, Menschen, die an sozialer Innovation interessiert sind, zu einer echten inneren Arbeitserfahrung anzuleiten und mit ihnen erforschen, wie sie besser mit sich selbst in Kontakt kommen, in einer guten Beziehung zu anderen stehen und Intuition als kreative Fähigkeit nutzen können. Das Programm beinhaltet zusätzlich eine gecoachte Reflexionsebene, um z.B. nützliche oder dysfunktionale Muster von einer Art „Balkon“ aus zu reflektieren.

Joana Breidenbach schloss ihre Keynote mit einem Rückblick. Sie sieht ihr wichtigstes „takeaway“ der letzten 15 Jahre darin, dass Innovationen zwar sehr stark durch Digitalisierung und durch Technologien vorangetrieben werden, dem „inneren Wachstum“ der Menschen jedoch erheblich mehr Aufmerksamkeit und Raum gegeben werden muss. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, dass ihre eigene persönliche und spirituelle Entwicklung zwar unglaublich bedeutsam für sie waren, dass sie aber gerade diesen Aspekten im Verhältnis zu ihren „äußeren“ Aktivitäten und Errungenschaften zu wenig Zeit hat widmen können.

Über den Autor:
Der Gründer, Unternehmer und Nachhaltigkeitsberater Leonardo van Straaten

ist ANSC-Mitglied und Geschäftführer von EXP-CONSULT