The Doughnut as a Mindset: A Conversation on How to Redraw the World

Eindrücke vom GRAND SALON des ANSC in Zusammenarbeit mit Donut Berlin und dem Museum für Naturkunde Berlin

Speaker: Kate Raworth, alternative Ökonomin und Tino Sehgal, Künstler

Museum für Naturkunde, Berlin (Foto: © Antja Dittmann)

Ein Gastbeitrag von Leonardo van Straaten, Mitglied des ANSC

Es ist Donnerstag, der 16. September 2021. Gegen sechs Uhr abends betrete ich den zentralen Lichthof des Museums für Naturkunde. Noch ist es draußen hell. Die enorme namensgebende Glaskuppel lässt genügend Licht herein, um die die drei imposanten Skelette eines Brachiosaurus, eines Kentrosaurus und eines Allosaurus in der Mitte des Raumes eindrucksvoll in Szene zu setzen. Sie stammen aus einer Grabung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im heutigen Tansania und sind erdgeschichtlich der Jura-Zeit vor rund 150 Millionen Jahren zuzuordnen. Saurier haben die Erde rund 180 Millionen Jahre lang bevölkert. Ich vermeide bewusst den Ausdruck „dominiert“, weil das für mein Verständnis zu sehr in menschlichen Kategorien gedacht ist. 

Ausgestorben sind sie vor rund 65 Millionen Jahren, sehr wahrscheinlich an den Folgen eines gewaltigen Asteroiden-Einschlags in der Gegend des heutigen Mexico. Wir Menschen haben es bisher nur auf rund 2,5 Millionen Jahre gebracht, wenn man von den ältesten Funden der Gattung Homo ausgeht. Unsere Spezies, Homo sapiens, die vor ungefähr 200.000 – 250.000 Jahren ihren Ursprung in Afrika hatte, entwickelte sich in rund 100.000 Jahren zu dem anatomisch modernen Menschen, der von den seit ca. 35.000 Jahren in Europa bekannten „steinzeitlichen“ Formen nicht mehr zu unterscheiden ist. 

Wie viele Menschen damals auf der gesamten Erde lebten, können wir nur grob schätzen. Vermutlich waren es zu Beginn des Holozän, jener Epoche des Quartärs, die vor rund 10.000 Jahren begann (und die wir gerade Richtung Anthropozän verlassen), in etwa so viele wie heute in einer chinesischen Großstadt leben. Hätten diese Menschen pro Kopf so viel Energie- und Ressourcen verbraucht, wie das heute in den Industriestaaten der Fall ist, die Erde hätte es wohl locker wegstecken können. Bei einer Weltbevölkerung von nahezu 8 Milliarden Menschen schafft sie das nicht.

Das lässt sich kognitiv kommunizieren, wie z.B. mit dem sog. „Earth Overshoot Day“, also dem illustrativen Datum, an dem die Menschheit mehr ökologische Ressourcen und Dienstleistungen verbraucht hat, als die Erde in diesem Jahr regenerieren kann (im Jahr 2021 fiel dieser Tag auf den 29. Juli). 

Auf der Leinwand: Kate Raworth, Auf dem Podium: Christin Bettinghaus, Tino Sehgal, Jörg Geier (v.l.n.r.)
(Foto: © Philipp Köhler)

Man kann es auch künstlerisch zum Ausdruck bringen, so wie Tino Sehgal, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern gezählt wird. Seine Kunst existiert nur im Moment oder in der Erinnerung. Man kann sie nur „live“ erleben, weil er keine Fotos Filme oder andere materiellen Dokumentationen seiner Werke zulässt, um der Überflussgesellschaft, in der wir leben, nicht noch ein weiteres materielles Produkt hinzuzufügen. 

Aus dieser dezentralen Position heraus ist in den letzten Jahren eine Reihe von digitalen Dynamiken entstanden, die jetzt unsere Welt verändern und die als Basis für eine neue Innovationskultur gesehen werden können: Dezentralisierung, Zusammenarbeit, fließende Prozesse und künstliche Intelligenz. Für Joana ist es wichtig, diese Innovationen nicht nur aus einem rein technologischen Blickwinkel zu betrachten, sondern den zugrunde liegenden, manchmal subtilen Dynamiken auf den Grund zu gehen. Ein Beispiel dafür ist, wie die Digitalisierung unsere Welt verändert. Von solchen Überlegungen fragt sie sich, welche Art von Innovation unserem globalen digitalen Zeitalter angemessen sind. 

Da steht er nun, seitlich neben den Saurierskeletten, von Scheinwerfern angeleuchtet, denn es ist inzwischen dunkel geworden. Er steht an einem schlichten weißen Rednerpult zwischen Christin Bettinghaus und Jörg Geier vom Arts and Nature Social Club (ANSC). Über ihm schwebt, auf dem Großbildschirm, ein wenig geisterhaft wirkend, Kate Raworth. Aus Oxford zugeschaltet, hat sie vor wenigen Minuten ihr Konzept der „Doughnut Economics“ erläutert, eine Art „Kompass“ für das 21. Jahrhundert, dessen Ziel es ist, die Bedürfnisse aller Menschen im Rahmen der Möglichkeiten des Planeten zu erfüllen. Der Name beruht auf der Visualisierung des Konzepts in Form zweier konzentrischer Ringe, die an einen „Doughnut“ erinnern. Der innere Ring steht für ein soziales Fundament, der äußere für eine ökologische Obergrenze, die dafür sorgt, dass die Menschheit nicht kollektiv über die planetarischen Grenzen hinausgeht. Dazwischen liegt der ökologisch sichere und sozial gerechte Raum, in dem die Menschheit weiter gedeihen kann.

Frida Gold live (Foto: © Philipp Köhler)

Bedingt durch Corona können nur einige Dutzend Gäste den spannenden, auf Englisch geführten Dialogen live folgen. Zusätzlich folgen jedoch mehr als 350 Zuschauer der Veranstaltung im YouTube-Stream und tauschen sich dort auch lebhaft im von Ingke Purrmann dezent moderierten Chat aus. Sie hat das Event zusammen mit Christin Bettinghaus für den ANSC kuratiert, in enger Kooperation mit Nicole Hartmann von der Initiative Donut Berlin, die sich die praktische Umsetzung der „Doughnut Economics“ in Berlin nach dem Vorbild von Amsterdam und Kopenhagen zur Aufgabe gemacht hat.

„Producing things produces CO2. This is why it is necessary to produce unnecessary things like immaterial art.” So in etwa könnte man die Botschaft von Tino Sehgal zusammenfassen, mit der er sein Verständnis von Kunst zusammenfasst. Immateriell und dennoch wunderschön sind auch die Schallschwingungen, die das Duo Frida Gold im musikalischen Rahmenprogramm auf materiellen Instrumenten erzeugt und durch den Lichthof und in digitaler Form durch das Internet schickt.

Gegen Ende der Veranstaltung fällt ein Nebensatz, der es in sich hat. Der aus London zugeschaltete Direktor des Naturkundemuseums, Prof. Johannes Vogel, empfiehlt dem Publikum im Lichthof, sich doch einmal umzudrehen. So könne man schnell erkennen, was uns bevorsteht, wenn wir weiterhin am Status quo unserer Wirtschaft und Gesellschaft festhalten. 

Sicherlich täusche ich mich, wenn ich in dem Schädel des Brontosaurus ein höhnisches Grinsen wahrzunehmen glaube. Dann spüre ich trotzigen Widerstand in mir aufkeimen: Nein, so bald werden wir Euer Schicksal nicht teilen, schon gar nicht durch eigenes Verschulden. Change by design, not by disaster.

Beide Speaker haben uns an diesem Abend an ihren Arbeiten teilhaben lassen, Arbeiten, die positive Perspektiven bieten. Bei Tino Sehgal ist es Erlernbarkeit neuen Denkens, während Kate Raworth Wege aufzeigt, zerstörerisches lineares Wachstum in bewahrende Kreisläufe zu überführen.

„How to Redraw the World“. Das Thema des Abends wurde perfekt getroffen. Außerdem hat der ANSC seinem Motto „We Inspire Change“ mit diesem Event alle Ehre gemacht hat. Ein großes Dankeschön dafür und herzlichen Glückwunsch! Macht weiter so.

Über den Autor:
Leonardo van Straaten ist selbstständiger Hydrogeologe sowie Inhaber und Senior Consultant von EXP-CONSULT in Hannover. Nach über 35 Berufsjahren als Berater, Gründer und Geschäftsführer im Wassersektor widmet er sich aktuell mehreren fachlichen und organisatorischen Aufgaben mit Bezug zu den Themenkomplexen Klimaschutz und Klimaanpassung.